AOK connect pilotiert europäische Patientenkurzakte
Wie die nutzerzentrierte AOK-Pilotierung europaweite Gesundheitsversorgung voranbringt

Urlaub, Dienstreise oder längerer Aufenthalt im EU-Ausland: Mobilität gehört für viele Menschen heute zum Alltag. Über 277 Millionen Reisen wurden 2024 von Deutschland aus unternommen. Medizinische Versorgung macht dabei nicht an Landesgrenzen halt. 

In der Praxis zeigt sich jedoch immer wieder, welche Hürden es zu überwinden gilt: Eine Versicherte erhält im Ausland kurzfristig medizinische Hilfe, doch wichtige Vorinformationen fehlen.
Ein Arzt in Deutschland kann Befunde nicht sicher einordnen, weil Diagnosen oder Medikamente nur in einer anderen Sprache vorliegen.
Oder im Notfall muss schnell entschieden werden – ohne Zugriff auf Allergien, Vorerkrankungen oder aktuelle Medikation.

Genau in solchen Situationen wird deutlich, welches Potenzial digitale, länderübergreifende Lösungen haben. Die europäische Patientenkurzakte setzt hier an: Sie soll dafür sorgen, dass behandelnde Ärztinnen und Ärzte in der EU im Notfall oder bei akuten oder chronischen Erkrankungen schnell auf die wichtigsten medizinischen Informationen zugreifen können – sicher, verständlich und integriert in bestehende Abläufe.

Vom Bedarf zur Pilotierung

Um diesen Anspruch mit Leben zu füllen, hat die AOK connect ein sechsmonatiges Pilotprojekt zur europäischen Patientenkurzakte im Rahmen des National Contact Point for eHealth (NCPeH) durchgeführt – auf technischer und fachlicher Ebene. Fachliches Ziel war es, frühzeitig zu verstehen, wie grenzüberschreitende Versorgung aus Sicht der späteren Nutzerinnen und Nutzer tatsächlich funktionieren kann: technisch, organisatorisch und im Versorgungsalltag.

Die Ergebnisse der Pilotierung wurden jetzt an das Bundesgesundheitsministerium und die die für die Telematikinfrastruktur im deutschen Gesundheitswesen verantwortliche gematik übergeben. Die gesammelten Erkenntnisse sollen in die weitere Entwicklung der europäischen Patientenkurzakte einfließen, die nach Vorgaben der EU-Kommission ab März 2029 für die Bürgerinnen und Bürger in der Europäischen Union verfügbar sein soll.

Wie wurde pilotiert? Nutzer*innenzentrierung im Fokus

Anders als klassische Entwicklungsprojekte startete diese Pilotierung nicht mit abstrakten Spezifikationen, sondern mit realen Nutzungssituationen. Von August bis Dezember 2025 wurde die Patientenkurzakte sowohl technisch als auch fachlich erprobt – mit einem klaren Fokus auf Praxistauglichkeit aus der Versicherten- und Behandelndenperspektive.

Usability-Tests mit Versicherten

In qualitativen Befragungen und Usability-Tests wurden Versicherte gezielt eingebunden. Im Mittelpunkt standen Fragen wie:

  • Welche medizinischen Informationen sind in Stress- und Akutsituationen wirklich relevant?
  • Wie müssen Inhalte dargestellt sein, damit sie auch unter Zeitdruck verständlich bleiben?
  • Wo entstehen Unsicherheiten oder zusätzliche Unterstützungsbedarfe?

Die Tests zeigten deutlich: Für Versicherte geht es in Versorgungssituationen im Ausland vor allem um Orientierung, Sicherheit und Klarheit – gerade dann, wenn Sprache, Versorgungssystem und Abläufe ungewohnt sind. 

Workshops mit Leistungserbringenden, BMG und gematik

Daran anschließend fand ein Co-Creation-Workshop mit Ärztinnen und Ärzten, weiteren Leistungserbringenden sowie Vertreterinnen und Vertretern von Bundesgesundheitsministerium und gematik statt. Gemeinsam wurden Versorgungsabläufe, Prozesse und Schnittstellen analysiert.

Im Fokus stand dabei die Frage, wie sich digitale Lösungen sinnvoll in bestehende Systeme und Arbeitsabläufe integrieren lassen – gerade in Situationen, in denen wenig Zeit für Rückfragen bleibt. Diskutiert wurde unter anderem:

  • Welche Informationen benötigen Ärztinnen und Ärzte für eine schnelle medizinische Einordnung?
  • Wie lassen sich Medienbrüche vermeiden?
  • Welche Anforderungen ergeben sich an Zugriffsmechanismen und Übersetzungen?

Was die AOK-Pilotierung der europäischen Patientenkurzakte zeigt

Die Ergebnisse machen deutlich: Der Mehrwert einer europäischen Patientenkurzakte entsteht dann, wenn Inhalte relevant, Prozesse verständlich und Systeme anschlussfähig sind.

Aus Sicht der Versicherten steht der Wunsch nach Sicherheit im Vordergrund: zu wissen, dass im Ernstfall die richtigen Informationen verfügbar sind – in der jeweiligen Landessprache. 

Für Leistungserbringende ist entscheidend, schnell einen verlässlichen Überblick zu erhalten: Welche Diagnosen liegen vor? Welche Medikamente werden eingenommen? Gibt es Allergien oder besondere Risiken?

Als besonders wichtig wurden

  • ein strukturierter Zugriff auf zentrale medizinische Informationen,
  • eine übersichtliche, reduzierte Darstellung der Inhalte,
  • sowie die Überwindung sprachlicher Barrieren durch automatische Übersetzungen

bewertet.

Lösungen wie ein EU-Zugriffscode, der künftig über die nationale elektronische Patientenakte erzeugt werden könnte, wurden in der Pilotierung als praxistauglicher Zugang eingeschätzt. Er ermöglicht es Versicherten, im Behandlungsfall gezielt relevante Informationen freizugeben – etwa Diagnosen, Medikationspläne oder Angaben zu Allergien.

EU-Zugriffscode: Screenabfolge im Prototyp

„Medizinische Behandlungen finden heute längst jenseits nationaler Grenzen statt“, sagt Kornell Adolph, Geschäftsführer von AOK connect. 

„Ein typisches Szenario: Sie sind im Urlaub, merken, dass Sie Ihre Medikamente vergessen haben oder plötzlich erkranken. Der Kontakt zur Ärztin oder zum Arzt in der Heimat ist schnell hergestellt – per Telefon oder Video. Die entscheidende Frage ist dann: Wie kommen relevante Informationen und Verordnungen sicher im Urlaubsland an? 

Genau dafür haben wir mit der Pilotierung der europäischen Patientenkurzakte die Grundlagen gelegt.“

Technische Grundlage: Anschluss an Europa

Im Rahmen des Projekts hat die elektronische Patientenakte der AOK („AOK Mein Leben“-App) als erstes deutsches Aktensystem die Zulassung auf europäischer Ebene ehalten. Im Fokus der technischen Vorarbeiten stand die Anbindung an den National Contact Point for eHealth (NCPeH). Er fungiert als Schnittstelle zwischen der deutschen Telematikinfrastruktur und dem europäischen Gesundheitswesen und ermöglicht den sicheren Austausch ausgewählter medizinischer Informationen und elektronischer Rezepte innerhalb der EU.

Davon profitieren nicht nur Versicherte auf Reisen, sondern auch Leistungserbringende in Deutschland, die EU-weit Versicherte behandeln und dafür verlässliche medizinische Informationen benötigen.

AOK connect: Digitale Transformation praxisnah gestalten

Die Pilotierung der europäischen Patientenkurzakte zeigt exemplarisch, wofür AOK connect steht: den Anspruch, komplexe Digitalvorhaben für die AOK-Gemeinschaft nutzer*innenzentriert, praxisnah und anschlussfähig umzusetzen – und digitale Transformation nicht nur zu verwalten, sondern zu gestalten.

Hier findet sich das vollständige Paper zur Pilotierung mit methodischer Einordnung und detaillierten Ergebnissen.